Vor zwei Wochen bin ich über Norbert Eder auf das Buch "Ich bin dann mal offline" von Christoph Koch aufmerksam geworden. Der Autor ist zwar inzwischen wieder online, der von ihm durchgeführte und im Buch beschriebene Selbstversuch, bei dem er 40 Tage "abstinent", also ohne Internet und Handy lebte, ist aber dennoch eine Empfehlung wert. Und zwar für jeden, der diese Zeilen in seinem RSS-Reader liest oder auf den Beitrag über meinen Tweet gelangt ist, der gleich folgen wird ...
Das Buch will weder Wasser auf die Mühlen aller Internet- und Technik-Spektiker sein, noch ein Ratgeber für den richtigen Umgang mit den nun nicht mehr so neuen Medien. Es kommt vollkommen ohne Moralkeule aus. Vielmehr ist es ein locker geschriebener Erlebnisbericht darüber, wie es denn nun ist, wenn man sich plötzlich von seiner digitalen Außenwelt abkoppelt und nur noch per Post, Festnetztelefon oder persönlich zu erreichen ist. Das ist vor allem deshalb interessant, weil auch Koch zuvor auf allen Kanälen verfügbar war.
Er reflektiert dabei viele (Neben-)Effekte seines Selbstversuchs und gibt damit gleich mehrfach interessante Denkanstöße für den Leser. Muss man ständig auf allen Kanälen verfügbar sein und jede noch so banale Information sofort aufsaugen? Sich über jeden Furz seiner Facebook-Freunde benachrichtigen lassen? Ist es noch richtig, vor dem Einschlafen die letzten Tweets in der Timeline zu lesen? Muss man Leute aus Höflichkeit als Facebook-Freunde akzeptieren? Und überhaupt: welchen Wert haben digitale 'Freunde' überhaupt?
Viele der kleinen Geschichten könnten auch aus meinem Leben stammen, viele seiner Verhaltensweisen habe ich auch. Man nehme z.B. das ALT+TAB-Phänomen, bei dem ich, wenn ich gerade keine Lösung für ein Problem bei meiner Arbeit finde, einfach mal zum Twitter-Client, Outlook oder den Browser wechsle und gucke was es so Neues gibt. Der kleine Versuch Zertreuung zu finden, resultiert dann häufig in noch schlechterer Konzentration und noch schlechteren oder zumindest zeitlich verzögerten Ergebnissen. So geht es Koch auch, auch wenn die Arbeit bei ihm eine andere ist (ich programmiere, er schreibt - beides kreative Prozesse). Dabei habe ich schon selbst einmal beiläufig festgestellt, dass meine Kreativität steigt, wenn ich Outlook und Twitter einfach abschalte.
In Zukunft werde ich das nun häufiger tun, wie auch noch ein paar andere Sachen ändern, ohne gleich in den Wald zu ziehen und mich ganz von der Welt abzuschotten. Mein iPhone bekommt Schlafzimmerverbot, der Funkwecker ist bereits bestellt (so ein Ding besitze ich seit Jahren nicht mehr!). In zukünftigen Strandurlauben bleibt mein Telefon zu Hause (nur auf Städtetrips nehme ich es weiterhin mit, einfach weil es so praktisch ist).
Außerdem habe ich meinen Facebook-Account gelöscht. Zum zweiten Mal. Der erste Versuch ist an den Dämonen in meinem Kopf gescheitert. Vielleicht verpasse ich ja was? Und überhaupt: Facebook wird für das Geschäft immer wichtiger, da kann ich mich nicht einfach ausklinken. Alles Quatsch. Ich brauche Facebook nicht. Im Moment jedenfalls nicht. Also weg damit.
Fazit: das Buch ist eine Empfehlung für alle, die "ständig online" sind, weil es eine furchtbar gute Grundlage zur Reflektion des eigenen Handelns bietet und sich dabei noch locker flockig liest, ohne ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen.