Ich muss vorwegschicken, dass ich nicht der Typ bin, der auf eine Buchmesse geht. In meinem Besitz befinden sich vielleicht 100 Bücher. Wobei ich mir sicher bin, dass das schon mehr ist, als in anderen Haushalten von Leuten meiner Generation. Auch Fachliteratur lese ich so gut wie nie, quasi mein gesamtes Wissen zu ASP.NET MVC beispielsweise stammt aus dem Netz.
Ähnlich sieht es mit Zeitschriften aus - ob cicero, Spiegel, 11 Freunde oder ein .NET-Magazin, mit Ausnahme der NEON habe ich alle Abonnements irgendwann eingestellt, da die Dinger meist irgendwann ungelesen ins Altpapier wanderten.
Dennoch habe ich immer wieder gern gelesen. Das mag sich jetzt widersprüchlich anhören, aber ich habe das meist als Ausbruch aus dem digitalen Hamsterrad begriffen, weshalb es sich dann auch meist auf den Urlaub oder das Lesen abends im Bett beschränkte. Das klappte auch immer nur dann, wenn ein Buch wirklich richtig gut gewesen ist und mich nicht mehr loslassen wollte (zum Beispiel das oder das). Einige meiner wenigen Bücher stehen dazu noch ungelesen im Regal, weil ich sie einfach auf Vorrat bestellt habe, nachdem ich irgendwo auf sie aufmerksam wurde. Dazu gleich mehr ...
Das Thema eBooks habe ich eigentlich nie weiter beachtet, da ich nie ein Interesse daran hatte, längere Texte am Bildschirm zu lesen. Erst als ich mich kürzlich mal gezwungen habe, zwei Stunden mit meinem nur zu Entwicklungszwecken gekauften iPad zu beschäftigen, bin ich über die iBooks-App gestolpert und habe mir aus Neugier dort ein Buch gekauft.
Die Möglichkeiten, die iBooks und überhaupt das Tablet bieten, fand ich sofort faszinierend: relativ wenig Gewicht, hohe Mobilität, unendlich viele Bücher an einem Ort und die Fähigkeit der App, sich meinen Bedürfnissen anpassen zu lassen - in Schriftgröße, Schriftart, Helligkeit usw.
So dauerte es nicht lang, bis ich das erste Buch primär abends im Bett und morgens beim Frühstück auf dem iPad fertig gelesen hatte. Beides Gelegenheiten, die das Für und Wider des iPad als Medium zum Lesen perfekt repräsentieren.
Dafür spricht das aktive Display, das es ermöglicht, im Dunkeln zu lesen, ohne seine nähere Umwelt mit mehr Licht als notwendig zu belästigen. Das ist sowohl im Bett als z.B. auch im Flugzeug von Vorteil.
Der größte Nachteil neben dem Gewicht und der furchtbaren Unhandlichkeit des iPad ist aber sein ansonsten gutes aber spiegelndes Display. Als nach den üblichen schlechten Sommertagen dann eines Morgens doch mal die Sonne schien, bekam der Spaß plötzlich ein Loch. Es ist bei Tageslicht schlicht und ergreifend unzumutbar, sich längere Zeit auf einen spiegelnden Bildschirm zu konzentrieren, erst recht darauf zu lesen. Ich möchte gar nicht erst wissen, wie es bei tief stehender Sonne im Zug ausschaut.
Das ließ dann in mir die Überlegung reifen, doch mal den Kindle von Amazon auszuprobieren.
Eigentlich wollte ich mir kein Gerät mehr kaufen, das nur eine einzige Aufgabe erledigt. Auf der anderen Seite musste ich so oder so neben meinem Smartphone unterwegs immer noch mein Notebook mitnehmen, da das iPad allein als Ersatz zum Arbeiten im Notfall auch ungeeignet gewesen wäre. So würde ich lieber auf das iPad verzichten, und hätte die gleiche Anzahl an Geräten dabei.
Als der Kindle dann ankam, war ich erst einmal etwas enttäuscht. Das Gerät mutet in Zeiten moderner Smartphones usw. nicht nur sehr hässlich, sondern vor allem auch altbacken an. Also eher wie einer der ersten iPods von 2001 als ein iPod Touch von 2011. Vor allem die fehlende Touchbedienung machen die Bedienung in meinen Augen nicht nur ungewöhnlich, sondern wirklich hässlich. Ich bin auch froh, nicht die 3G-Variante genommen zu haben (mein Smartphone kann ich jederzeit als Hotspot einsetzen), denn Surfen möchte ich damit nicht.
Aber das ist alles völlig egal. Denn der Kindle hat zwei unschlagbare Vorteile:
- ist er klein und handlich und mit einer der viel zu teuren aber in meinen Augen notwendigen Hüllen bietet er ein annähernd ähnliches Leseerlebnis, wie mit einem Taschenbuch. Damit lassen sich nun also auch 1000-Seiter jederzeit bequem mit einer Hand lesen!
- Sein Display. Was auf den ersten Blick enttäuscht, entpuppt sich bei längerer Nutzung als absolut genial. Durch das passive Display lässt sich das Gerät bei Licht immer und überall nutzen - egal ob man mittags um 12 Uhr direkt auf dem Äquator sitzt, im Zug fährt oder in der U-Bahn-Station auf die Bahn wartet, es geht immer.
Natürlich reflektiert jedes Display der Welt mehr als jedes Stück Papier, weshalb sich kleine Reflexionen nicht ganz vermeiden lassen. Ebenso geht mir persönlich die Möglichkeit im Dunkeln ohne (Lese-)Lampe zu lesen, doch ab. Falls es jemals einen Hybriden geben wird, ist er gekauft.
Ein weiterer Vorteil ist die Plattformunabhängigkeit von Amazon. Egal ob auf dem iPad, auf dem iPhone, auf meinem Android-Smartphone oder am Desktop - einmal gekaufte Bücher kann ich immer und überall lesen, durchsuchen oder durcharbeiten (inkl. Markierungen, Notizen etc.).
Das heißt obwohl die Nachteile durch das verwendete DRM, die hohen Preise und überhaupt die Tatsache, dass es sich bei eBooks nicht mehr um physisch greifbaren Besitz handelt, der einem noch dazu jederzeit weggenommen werden kann, noch immer im Raum stehen, so überwiegen für mich persönlich schon nach kurzer Zeit die Vorteile.
Ich bin auch guter Dinge, dass die Entwicklung sich ähnlich vollziehen wird, wie bei Musik oder Filmen. Während ich vor einigen Jahren noch Musik gekauft habe, die aufgrund ihres Kopierschutzes für mich heute wertlos ist, bekomme ich heute Musik ohne jede Fesseln. Wenn ich nicht gleich einen Streaming-Dienst wie simfy nutze (was ich tue). Bei Büchern mag der Weg noch weit sein, aber allein schon die Tatsache, aus dem Apple-Universum ausgebrochen zu sein, erscheint mir nicht ganz unwesentlich.
Was mich schlussendlich überzeugt hat, ist die Möglichkeit Bücher in mein normales Leben (digitales Hamsterrad) zu integrieren und dabei ein Stück (gefühlte) Freiheit zu gewinnen. Während ich bisher vor jedem Urlaub genau überlegen musste, welche Bücher ich in den Koffer packe, und im Zweifelsfall Pech hatte, wenn eines ein Reinfall war, kann ich heute einfach alle meine Bücher mitnehmen und im Zweifel sogar im Urlaub neue kaufen.
Dazu noch eine kleine Anekdote, die mich schlussendlich zu diesem Blogpost inspiriert hat. Als ich am Sonntag auf dem Rückweg nach München noch ein wenig Zeit am Bahnhof hatte, ging ich in die Buchhandlung. Mir fiel auch sofort ein Buch auf. Ich überlegte kurz, ob ich es kaufe, ging dann aber doch mit leeren Händen aus dem Laden.
Stattdessen aktivierte ich im Zug meinen Wifi-Hotspot, zog den Kindle aus der Tasche und kaufte das Buch kurzerhand online bei Amazon. Zurück zu Hause fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen: das Buch, welches ich gerade gekauft hatte, fiel mir deshalb auf, weil ich es schon im Regal stehen hatte - noch eingeschweißt. Tja, über 500 Seiten packt man eben nicht mal eben so, weil man Lust bekommen könnte sie zu lesen, in die Tasche.
Bisher jedenfalls nicht.