Wenn ich heute meine Großmutter, die zu Beginn des zweiten Weltkriegs ein Teenager war, frage „Hast du damals etwas gewusst?“, bekomme ich ein Kopfschütteln als Antwort. Zwar sind damals im Ort ein paar Juden verschwunden, aber so richtig Gedanken gemacht hat man sich damals in der ostsächsischen Provinz angeblich nicht.

Genauso wird ja auch weitläufig angenommen, dass auch Russen und Alliierte nichts von den deutschen Vernichtungslagern wussten. Vor Augen hat man die schockierten amerikanischen Soldaten, die Weimarer Bürger wütend dazu zwangen, sich das Innere von Buchenwald anzuschauen, nachdem man darauf gestoßen ist.

Womöglich wussten weder die Soldaten noch meine Großmutter wirklich etwas. Aber eines ist sicher: die Politik in England und Amerika, ja sogar mehr als 400.000 amerikanische Buchkäufer wussten über alles Bescheid. Denn Sie hatten entweder aus erster Hand oder aus dem 1944 (!!!) erschienen Buch von Jan Karski erfahren, was sich abspielte.

Die Lebensgeschichte von Jan Karski zwischen 1939 und 1943 liest sich wie ein beinahe unglaublicher Thriller, der das Zeug zum Hollywood-Film hat (in der Tat hat Karski damals versucht einen (Propaganda-)Film zu finanzieren, in Hollywood hatte man aber kein Interesse). Ich musste mich beim Lesen der über 500 Seiten regelmäßig kneifen und mir immer wieder klar machen, dass das, was dort geschrieben steht, bereits 1944 und nicht etwa, wie bei den Erfahrungsberichten etwa von Miep Gies, die auf ihre Zeit mit Anne Frank und die Unterdrückung in Holland zurückblickt, Jahre später veröffentlicht wurde.

Ein Überblick:

Jan Karski ist ein Kind der Mittelschicht, das sich durch Fleiß und Ehrgeiz nach oben gearbeitet hat und auf dem Weg zum Diplomaten ist, als im August 1939 mitten in der Nacht der Einsatzbefehl der polnischen Armee eintrifft.

Doch noch ehe Karski, als Unteroffizier in Bereitschaft, begreifen kann, was überhaupt passiert, haben die Deutschen Polen schon überrannt und er befindet sich ziellos auf einem Fußmarsch in Richtung Osten. Dort trifft er schließlich auf die Russen, von denen er gefangen genommen und (vermutlich) in Richtung Sibirien in ein Lager abtransportiert wird.

Dem Hitler-Stalin-Pakt ist zu verdanken, dass Polen zwischen Deutschland und Russland aufgeteilt wird. Ebenfalls wird vereinbart, deutschstämmige Gefangene auf der einen gegen slawische Gefangene auf der anderen Seite auszutauschen. Durch einen Trick und die Schlampigkeit der Russen gelingt es Karski, ausgetauscht zu werden. In der Hand der Deutschen gelingt ihm mit anderen, durch einen Sprung aus einem fahrenden Zug, die Flucht.

Er schließt sich dem polnischen Untergrund an, der sich zu dieser Zeit erst aufzubauen beginnt. Unter anderem reist er auch als Bote zwischen Polen und Frankreich hin und her, wo sich vor der Niederlage der Franzosen die polnische Exilregierung nahe Paris niedergelassen hat.

Bei seinem zweiten Trip in Richtung Paris fällt er jedoch der Gestapo in die Hände. Diese verschleppt und foltert ihn, bis er beschließt sich das Leben zu nehmen und sich die Pulsadern aufschneidet. Der Selbstmordversuch misslingt, und wie durch ein Wunder wird er schließlich befreit.

Nach einiger Zeit bekommt er schließlich den „finalen“ Auftrag nach London zu reisen und nicht nur der polnischen Exil-Regierung sondern vor allem auch der westlichen Welt mitzuteilen, was in Polen vor sich geht.

Um nicht nur Texte auf Mikrofilm zu überbringen, sondern authentisch berichten zu können, entscheidet er sich vor seiner Abreise zu zwei Dingen.

Erstens besucht er das Warschauer Getto. Besuch ist an dieser Stelle natürlich ein Euphemismus, er lässt sich unter Lebensgefahr einschleusen. Was er dort sieht und erlebt, wird er nicht mehr vergessen. In Erinnerung blieben vor allem die Apelle der jüdischen Führer, die ihm das Getto zeigen. In ihrer Verzweiflung fordern sie den Westen im Wissen, dass die Forderung unrealistisch ist, auf, jeden Deutschen, den man irgendwo auf der Welt finden kann, auf der Stelle zu töten.

Noch weniger aber wird er seinen Tag in einem deutschen Vernichtungslager vergessen, in das er sich mit Hilfe korrupter ukrainischer Aufseher schmuggeln lässt. Die Art und Weise, wie hier auf einen Schlag 5000 Menschen vor seinen Augen qualvoll getötet werden, ist so eindrucksvoll geschildert, und so unglaublich, dass sie 1944 absolut surreal und unrealistisch gewirkt haben muss.

Über eine erneut abenteuerliche Reise gelangt er schließlich durch Spanien nach Gibraltar, von wo aus er mit dem Flugzeug nach England gelangt. Dort versucht er die (Welt-)Öffentlichkeit durch seine Erfahrungsberichte wachzurütteln.

Als dies nicht gelingen mag, wird er nach Amerika versetzt. Hier trifft er nicht nur Abgeordnete, hohe Richter oder Kirchenoberhäupter, sondern auch den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Genutzt hat all das relativ wenig, denn niemand hat die Lage tatsächlich erkannt. Zu dem Zeitpunkt, als Karski in England eintraf, waren wohlgemerkt schon schätzungsweise 1,8 Millionen Juden getötet worden.

Ab absurdesten vermag noch das gewesen sein, worüber er aufgrund der politischen Lage damals nicht schreiben durfte. Am Ende wurde die demokratische polnische Exilregierung nicht mehr anerkannt und Moskau setzte seine eigenen Leute ein. Die polnische Untergrundarmee, die noch bei der finalen Befreiung Polens gemeinsam mit den Russen gekämpft hatte, wurde schließlich in Lager gesteckt.

Der Rest ist Geschichte.

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