Es ist da und es heißt wie erwartet: iPad. Apples neuestes Wundergerät in Form eines Tablet-Computers. Nach einer beispiellosen Marketingaktion, in der es dem Konzern aus Cupertino ausreichte hin und wieder gezielt ein paar Informationen nach außen tropfen zu lassen, selbst aber im Prinzip keinen Dollar für Werbung ausgeben zu müssen, hatte das seit Wochen, nein Monaten, mit Spannung erwartete Tablet nun heute seine Premiere.

Technisch sind die Fakten schnell aufgezählt: knapp 700g schwer, 10 Zoll groß, 16 bis 64 GB interner Speicher, 1024x768 Pixel Auflösung, W-LAN und wahlweise auch UMTS.

Was fehlt? Eine Kamera für Videotelefonie. Die Möglichkeit zu telefonieren. Die Möglichkeit den Akku auszutauschen. Die Möglichkeit den Speicher zu erweitern. Die Möglichkeit direkt per USB Geräte wie Kameras anzuschließen.

Dafür gibt es ein erweitertes iPhone OS mit der vom Telefon bekannten Oberfläche und ein paar speziell (und zugegeben sehr charmant) angepasste Anwendungen für die üblichen Aufgaben wie Kalender, Kontakte, Mail und Browsen. Dazu kommt die Möglichkeit sämtliche aus dem AppStore für iPhone und iPod Touch heute schon verfügbaren "Apps" zu nutzen und über einen neuen Book-Store auch Bücher zu kaufen.

Anwendungsgebiete gibt es trotz der Mängel zweifelsohne sehr viele. Sofern das Lesen wirklich gut funktioniert, kann man damit quasi überall Unmengen an Bücher mitnehmen ohne sie mitzuschleppen. Man kann Browsen, Videos und Musik genießen -wo immer man ist, egal ob im Zug, im Auto (als Beifahrer ;)) oder im Flugzeug. Und man kann in jeder geschäftlichen Präsentation oder Besprechung einen guten Eindruck hinterlassen, in dem man Dokumente mit einer geschickten Fingergeste hervorzaubert oder die neue Kundenwebsite damit präsentiert. Oder man bestimmt, was Apple TV auf dem heimischen TV abspielt, in dem man das iPad als interaktive Fernsehzeitschrift nutzt (in 20 Jahren wird dieser Begriff sicher nur noch albern sein). Oder man packt es ganz einfach in der Küche auf den Tresen, um ein gerade online heruntergeladenes Rezept auszuprobieren. Oder, oder, oder.

Ich denke deshalb, dass das iPad in vielen Lebenslagen passend sein und unser Verhalten im Umgang mit dem Internet noch einmal (r)evolutionieren kann. Erinnert sich noch jemand an Chrome OS? Man kombiniere Hardware und Software gedanklich miteinander und prompt schließt sich der Kreis. Es ist einfach etwas anderes, wenn man ein derartiges Device ins Leben integriert, als einen hässlichen, lärmenden oder auch nur unhandlichen PC, der zwei Minuten zum Booten braucht um sich danach ersteinmal die neuesten Virendefinitionen herunterzuladen.

Fazit aus argloser Kundensicht daher: So gut wie gekauft. Luft nach oben besteht natürlich enorm, siehe die eingangs aufgeführte Mängelliste. Aber schon jetzt hat das Gerät so viel Potential, dass ich neugierig genug bin, es auszuprobieren. Gerade auch bei den doch durchaus realistisch angesetzten Preisen.

Aber ...

Bauchschmerzen bleiben. Ich hatte zunächst erwartet, das Tablet mit Apples Snow Leopard zu sehen. Auf den Gedanken eines proprietären Systems à la iPhone OS bin ich bis vor ein paar Wochen gar nicht gekommen. Aber nun ist es Realität.

Man muss sich klar machen, dass man mit dem iPad nicht einfach einen Computer erhält, den man im Zweifelsfall wie gewohnt seinen eigenen Bedürfnissen anpassen kann, wie es selbst am Mac heute problemlos möglich ist. Genervt von Mac OS? Dann Bootcamp-Treiber genommen und Windows installiert. Keine Lust auf iCal, Apple Mail und iWorks? Dann einfach Microsoft Office oder OpenOffice.org installiert. Keinen Bock auf Safari? Wie wär's mit Firefox, Chrome oder Opera? Alles kein Problem - der offenen Plattform sei Dank.

Damit ist hier aber Schluss. Denn das auf dem iPad ausgelieferte System ist alles andere als offen - es ist so abgeschottet wie es beispielsweise Windows von Microsoft niemals gewesen ist.

Jede Anwendung, die man als Nutzer installieren möchte, muss vorher von Apple geprüft und in den Store geladen worden sein. Das macht es für den Anwender einerseits sehr einfach, weil er einen zentralen Anlaufpunkt für Anwendungen hat und sich keine Gedanken um Zahlungsmodalitäten oder die Installation machen muss. Selbst für den Entwickler ist es bisweilen angenehm, weil er mit seiner App Millionen potentieller Anwender direkt ansprechen kann und mit etwas Glück auch mit wirklich schwachsinnigen Apps tausende Euro verdient - ein Punkt, mit dem Apple übrigens auch ganz offensiv wirbt ("Eine neue Goldgrube für App-Entwickler").

Aber diese Medaille hat zwei Seiten, und die zweite ist verdammt dunkel. Wer sich etwas Zeit nimmt, wird im Netz hunderte von Storys über durch Apple abgelehnte Anwendungen finden. Mal mit nachvollziehbaren, oft mit nicht verständlichen Ablehnungsgründen. Denn, man muss sich das klar machen, Apple - und nur Apple - bestimmt, was Zugang zum iPhone, iPod oder nun iPad der Nutzer finden darf. Stört Apple etwas, wird es abgelehnt. Oft ist dies z.B. bei Anwendungen der Fall, die mehr oder weniger in direkter Konkurrenz zu Apple-eigenen Apps stehen, z.B. E-Mail-Clients oder Browser. Wie war das - Safari ist nix? Dann nehmen wir Opera Mobile? Forget it.

Aber nicht nur bei den Apps selbst findet man diese Probleme, auch bei elementaren Dingen wie der Unterstützung von Adobes Flash-Plugin für Websites mauert Apple bis heute. Es gibt faktisch keine Unterstützung auf dem iPhone, und wenn man der Keynote heute folgen darf, wird es diese auch nicht für das iPad geben. zumindest vorerst nicht, trotz der angeblich so tollen neuen CPU (Performance war eines der Hauptargumente Apples gegen Flash, man munkelt aber auch von einem eigenen Konkurrenzprodukt zu Flash (und Microsofts Silverlight) ...).

Unterm Strich ist das eine sehr gefährliche Entwicklung, die ich bei meinem iPhone noch bereit bin zu tolerieren, da dieses Gerät seit 1,5 Jahren ziemlich genau 99% meiner Anforderungen exakt erfüllt. Bei einem Computer sehe ich die Sache aber schon wieder anders. Da muss es auch gar nicht um DRM-Fesseln gehen. Allein die Tatsache, dass ich auf dem Gerät schlussendlich nicht selbst bestimmen kann, welche Apps ich installieren möchte, sondernd dass eine einzige Firma die Kombination aus Hard- und Software bestimmend unter ihren Fittichen hat, beunruhigt mich.

Das mag bei Insellösungen, die sich schlecht verkaufen noch egal sein. Aber was passiert, wenn Apple nun anfängt jedes Jahr 20 Millionen iPads zu verkaufen und wir irgendwann mehr Apfel-Tablets in unseren Haushalten haben als graue PCs?

Ich bin jedenfalls gespannt, wohin die Entwicklung geht ...

Anmerkung:

Es ist natürlich klar, dass Apple mit diesem Gerät, genau wie bei Smartphones, nun eine Vorreiterrolle einnehmen und den Markt befeuern wird. Es bleibt die Hoffnung, dass Konkurrenten nachziehen, wie es nun beispielsweise HP mit seinem Tablet samt Windows 7 angekündigt hat, eine Alternative die für mich durchaus attraktiv erscheint.

P.s.: ;-)

Comments

#1 vjdeedee wrote at Thursday, January 28, 2010 1:10:00 AM:
Sehr schön zusammengefasst. Das Teil wird trotzdem weggehen wie geschnitten Brot. Zur Not kann man sich das Pad ja immer noch als leicht überteuerten aber dafür stilvollen, digitalen Bilderrahmen an die Wand nageln äh paddeln :)
Wollen wir nicht ne Zubehörfirma für wasserdichte Hüllen gründen? Für alle die das Ding zum Bücherlesen, Musikhören, Videosgucken in der Badewanne nutzen möchten ;)
#2 DragonGun wrote at Thursday, January 28, 2010 9:21:00 AM:
Hm, im Endeffekt is das Ding lediglich ein zu gross geratenes, unfoermiges iPhone.
Und was sich mir da mal wieder in meine Gedanken draengt: Monopolstellung! Gibts da nicht auch eins mit dem Paddel? ^^

Ich werds mir allerdings nie zulegen, auch wenn ichs gerne ausprobieren wuerde :)
#3 gestaltungsmetzger wrote at Thursday, January 28, 2010 12:47:00 PM:
Zum Thema Flash - Adobe entwickelt gerade ne Engine für's iPhone mit der es möglich sein wird, Flashanwendungen dann als native Apps auszuführen. D.h. in Zukunft wird Software nicht mehr nur mit dem SDK entwickelt werden können sondern auch direkt mit Flash. Und da wirds dann mit Sicherheit auch den einen oder anderen Workaround geben, um Flashinhalte im Web auf iPhone und Co darzustellen.
#4 Thomas wrote at Thursday, January 28, 2010 12:50:00 PM:
Naja, das löst das Kernproblem nicht. Und Es gibt ja heute schon viele Möglichkeiten Apps für das iPhone zu entwickeln, ohne dabei direkt mit dem SDK zu arbeiten (Monotouch z.B. für die .NET-Welt).

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