Ich kann nicht mal genau beantworten warum, aber die Geschichte um den Tod von Robert Enke hat mich in den letzten Tagen doch mehr beschäftigt, als ich das vermutet habe.

Dabei habe ich ihn als guten, aber eben nicht herausragenden Torhüter, als besonnenen und ruhigen Menschen wahrgenommen und auch geschätzt. Am Ende war er aber nur einer von sehr vielen Protagonisten im Fußballgeschäft, dieser glitzernden Medienwelt. Kurzum: ich habe ihm, wie sicher viele andere, zu Lebzeiten kaum so viel Beachtung geschenkt wie nach seinem Tod.

Warum mir der Tod nun so nahe geht, lässt sich schwer erklären. Dritte mögen darüber nur den Kopf schütteln, so wie ich es tat, als ich die Bilder von heulenden Michael-Jackson-Fans im Sommer sah. Vielleicht ist es dann doch die Nähe zu diesem Sport, der als Hobby einen nicht ganz geringen Teil meines Lebens einnimmt. Und damit dann auch die gefühlte, mediale Nähe zu den einzelnen Protagonisten - es ist eben schwierig vorstellbar, dass dieser Torhüter noch vor einer Woche dem HSV 2 Punkte geklaut hat, und dann 2 Tage später plötzlich tot ist.

Was bleibt sind viele Fragen, aber auch eine Feststellung. In einer ansonsten eher boulevardesken Stern-TV-Sendung am Mittwoch hielt ein Studiogast, ich glaube es war ein Psychologie-Professor, fest, dass es sich beim Selbstmord von Robert Enke nicht um einen Freitod gehandelt hat. Die Krankheit hat ihn dazu getrieben. Anders ist es auch kaum rational erklärbar - denn wie sonst will man sich klarmachen, dass ein sonst so erfolgreicher - und auch priviligierter - Mensch für sich keinen anderen Ausweg mehr als den Tod sieht?

Das hat mir zum ersten Mal klargemacht, dass Depressionen kaum Hirngespinste sind, die man problemlos mit etwas Ablenkung wieder loswird. Nein, es ist eine ernsthafte Krankheit, der man sich stellen und die man behandeln (lassen) muss. Ansonsten kann diese Krankheit töten - genau wie Aids, Krebs oder andere "physische" Krankheiten auch.

Ob der Fall Robert Enke die Leistungsgesellschaft Fußball verändern wird - man darf es hoffen, aber auch daran zweifeln. Aber vielleicht bleibt er doch in der Erinnerung des Einzelnen haften und sorgt so in anderen Fällen für einen besonneneren Umgang mit der Krankheit.

Zu guter letzt noch eine Szene, die mich wirklich bewegt hat - am Ende der heutigen Trauerfeier im Stadion trugen seine Team-Kameraden von Hannover 96 den Sarg von Robert Enke aus dem Stadion und erwiesen ihm so die letzte Ehre.

Kommentare

#1 netcrack2k schrieb am Sonntag, 15. November 2009 20:48:00:
Sicher hast du damit recht, dass Depressionen nicht einfach "schlechte Laune" sind und als Hirngespinnst abgetan werden können. Auf der anderen Seite gibt es auch zu beachten, das es vor allem bei den Amis, wo 2/3 der Bevölkerung auf Psychopharmaka sind, immer wieder dazu kommt dass an und für sich gesunde Leute mit leichten Depressionen erst durch die Einnahme von Antidepressiva überhaupt suizidal werden, was zu einem guten Teil der Pharmaindustrie und -lobby zu verdanken ist. Das muss man genau abwägen ob eine Depression so schwerwiegend ist dass man in den Biochemischen Haushalt des Nervensystems mit ungeahnten und potentiel fatalen Nebenwirkungen eingreift.

Hier z.B. ein Bericht der sich mit dem Thema beschäftigt (obgleich mir klar ist das Frontal 21 KEIN SERIÖSER JOURNALISMUS IST!, dennoch besteht das Problem): http://www.youtube.com/watch?v=mxgVf0IGvec
#2 Rene Drescher-Hackel schrieb am Montag, 16. November 2009 08:12:00:
Thomas, so bitter ein Tod immer ist, so kann trotz kollektiver Betroffenheit über das eigentliche Problem nicht hinweg getäuscht werden: es ist ein gesellschaftliches Problem, wie vor allem damit umgegangen wird. Was ich damit sagen will ist, heute sind wir betroffen und morgen ist der Nachbar, Kollege uns "schön" egal.

Ich erlebe es tagtäglich - bei meinem Sohnemann in der Schule, wo man seit nunmehr fast 4 Jahren regelrecht versessen darauf ist, ihn mit Psychopharmaka vollzupumpen. Unser Einwand, dass es dadurch zu massiven Depressionen kommen kann mit den bekannten Nebenfolgen, wird einfach vom Kinderpsychologen ignoriert. Es gibt auch keine wirkliche Bestätigung, die den Einsatz von Medikenet oder Stratera (oder wie das Zeug noch alles heißt) rechtfertigen würde. Es gibt keine gesicherte Erkenntnis, was das Dopamin beim Jungen angeht. Apelle, sich doch mit der Sache an sich auseinanderzusetzen, werden ignoriert.
Und - was noch dazu kommt - willst du jemanden in die Verantwortung nehmen, dann fühlt sich niemand dafür verantwortlich, denn die Verantwortung liegt allein bei den Eltern, ohne im Nachsatz hinterherzuschieben: "es ist aber verantwortungslos, dem Kind wichtige Medikamente vorzuenthalten..." (Zitat Ende).
Das gleiche findest du dann auch im beruflichen Umfeld: hier wird es dann galanter formuliert - Teamfähigkeit, Flexibilität, Einsatzbereitschaft - das sind die leeren Floskeln. Der Mensch bleibt regelmäßig auf der Strecke. Und solange das so bleibt, wird sich nach allem kollektiven Aufreichs und Betroffenheit wieder mal nichts ändern.
#3 Thomas schrieb am Montag, 16. November 2009 09:28:00:
@rene: "Was ich damit sagen will ist, heute sind wir betroffen und morgen ist der Nachbar, Kollege uns "schön" egal. "

Das ist kein gesellschaftliches Problem, das ist nur natürlich. Siehe mein Nebensatz zu Michael Jackson - wenn ich bei jedem tragischen Ereignis 10 Minuten trauern würde, käme ich zu nichts anderem mehr. Man kann nicht alles an sich heranlassen. Deshalb ist aber das, was einen dann doch betroffen macht, nicht zwangsläufig geheuchelt und falsch.

@netcrack2k: Was die Auswirkungen der Medikation angeht, so das ist da sicher wieder ein ganz anderes Thema - auch was die Interessen der Lobbygruppen, Industrie usw. dazu anbelangt, ganz klar. Was ich meinte war, dass das Thema Depressionen so zumindest kurzzeitig mal einen anderen Stellenwert in der Öffentlichkeit einnimmt - bisher wird es ja von Otto Normal, ich würde mich da einschließen, eher bagatellisiert und nicht richtig für voll genommen - natürlich auch, weil's für Dritte schwer greifbar ist, wenn jemand darunter leidet. Gutes Beispiel wäre Sebastian Deisler, der irgendwann bei Bayern in der Kabine nur noch Deislerin gerufen wurde. Mag witzig sein, zeigt aber eben auch, dass man ie Krankheit nicht ernst nimmt ,)
#4 paola schrieb am Mittwoch, 18. November 2009 11:43:00:
ich denke, dass das phänomen depression, das in wahrheit eine volkskrankheit ist, in der gesellschaft oberflächlich behandelt, bzw. verdrängt wird. ebenso ist die pure behandlung mit medikamenten oberflächlich und lediglich verdrängung. in beiden fällen wäre eine normale und vernünftige auseinandersetzung sinnvoll, damit man auch die ursachen verstehen kann. leider wird die krankheit meistens tabuisiert
#5 Chris schrieb am Samstag, 28. November 2009 07:48:00:
Wenn nur 1% derjenigen, die um Robert Enke trauern (oder Michael Jackson als weiteres gutes Beispiel des Autors), im "richtigen" Leben echte Trauer, Anteilnahme und Mitgefühl dort zeigen wo Sie elementar und ursächlich hingehört, nämlich bei Todesfällen und schwerer Krankheit in eigenen sozialen Umfeld (sprich Verwandte, Nachbarn, Freunde) dann, ja dann, wäre das einfach nur schön. Allerdings sehe ich, das die Fähigkeit zur Empathie bei vielen bei "echter" Konfrontation mit dem Thema doch sehr eingeschränkt ist. Klar, das ist nämlich schwer, unangenehm und alles andere als einfach!
#6 Immobilien Bad Honnef schrieb am Montag, 7. Dezember 2009 10:30:00:
Wer unter Depressionen leidet ist sehr krank und in manchen Fällen (je nach schwere) auch dringend auf Psychopharmaka angewiesen. Ob das aber nötig ist und welche Behandlungsmethoden noch angewendet werden müssen, ist eine reine Beurteilungssache des Arztes. Natürlich gibt es unter Ärzten auch schwarze Schafe die Medikamente leichtfertig verschreiben, aber grundsätzlich muß diesen doch vertraut werden. Was ich damit sagen möchte: Medikamente sind nicht immer nur schlecht, auch wenn gut und gerne daraug geschimpft wird, aber es gibt Fälle, bei denen ein Verziecht auf eben diese Medikamente einen erheblichen Verlust der Lebensqualität des depressiven Menschen bedeuten würde!
Gleichzeitig bin ich auch der Meinung, dass wir wieder anfangen sollten, uns ein bischen mehr für die Menschen zu interessieren, mit denen wir Kontakt haben.
#7 Gianni schrieb am Dienstag, 5. Oktober 2010 13:32:00:
Depressionen, und da gebe ich meinen Vorschreibern recht, wird leider allzuoft unterschätzt.

Ich bin zwar kein Profi, aber ich habe da schon meine Zweifel das man mit jeder Menge Medikamente gegenwirken kann.

So dneke ich z.B. nicht gerade alleine, das Depressionen eine sehr vielschichtige Krankheit ist. Oftmals kommen sehr viele Dinge di dieser Krankheit unterstützend wirkend zusammen.

Mein Vorschreiber hat einen tollen letzten Satz geschrieben! Welcher zusätzlich in meinen Augen eine größere Hilfe wäre als hunderte von Pillen, Arztbesuchen die nur von Eile und unpersönlicher Anteilnahme (diese endet in dem Moment wo die KK nicht mehr zahlt) begleitet werden.

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