Wer Reiner Callmund nicht kennt, hat etwas verpasst. Der kleine dicke Mann war über viele Jahre eine ganz große Nummer im deutschen und internationalen Fußball, in der Zeit, als er als Manager bei Bayer 04 Leverkusen wirkte. In die Zeit fielen ein Uefa-Cup- und ein DFB-Pokal-Sieg und streckenweiser Traumfußball mit im Ergebnis ungezählten zweiten Plätzen, unter anderem in der Champions League 2002, als man mit einer Mannschaft um Zé Roberto, Michael Ballack und Lucio knapp mit 1:2 gegen Real Madrid das Finale verlor.
Der Mann war in seiner aktiven Fußball-Zeit dauerpräsent in den Medien, nicht zuletzt wegen seiner großen Klappe. Wie er selbst schreibt hält er im DSF-Doppelpass, dem deutschen TV-Fußballstammtisch, bis heute den Monolog-Zeitrekord, was zu glauben ist.
Aber er war auch selbst in seiner Arbeit sehr erfolgreich, schließlich hat der Verein in dieser Zeit nicht weniger als sehr gute bis Weltklassespieler am laufenden Band produziert (Emerson, Zé Roberto, Jorghino, Paulo Sergio, Juan, Dimitar Berbatov, Diego Placente, Ulf Kirsten, Nowotny, Lucio, Ballack, Bernd Schneider) und auch erfolgreich damalige Superstars eingekauft (Rudi Völler - heute Sportdirektor, Bernd Schuster - heute Trainer von Real Madrid).
2004 trat er schließlich zurück, was folgte war eine Welle von Anschuldigungen, Zahlungen die er nach eigener Aussage gar nicht hätte leisten müssen, viel Gemunkel und letztendlich keinem Ergebnis, bzw. dem, dass keine Anklage erhoben und er nicht verurteilt wurde. Es ging damals um dubiose Zahlungen im Zusammenhang mit Spielertransfers.
Kurzum: eine öffentlich hoch interessante Persönlichkeit, bei der ich gerne mal ein paar Anekdoten lesen und hinter die Kulissen blicken wollte.
Das wurde mir mit dem Buch auch weitestgehend ermöglicht. Callmund schreibt in seinem persönlichen Stil, nicht aufgesetzt, über seinen privaten Background, aber auch über viele Menschen, die seinen Weg kreuzten, gibt Einblicke in Transferverhandlungen und kleinere wie größere Tricks (1996 ließ er beispielsweise vor dem absoluten Abstiegsendspiel gegen Kaiserslautern quasi den gesamten Gästeblock abreißen, um eine Übermacht der Fans vom FCK im eigenen Stadion zu verhindern ...).
Leider dreht sich das Buch für meinen Geschmack ein wenig zu sehr um Dritte und zu wenig um ihn selbst bzw. Situationen die er erlebt hat. Als Fußball-Fan hätten mich einfach mehr dreckige Details interessiert, die er wohl auch deshalb wegließ, weil er immer alles mit Namen und Fakten bestückte (bestücken wollte/musste). So lesen sich die gut 230 Seiten ganz flott, auch wenn er manchmal schreibt wie er spricht, d.h. wasserfallartig über 1-2 Seiten, wo ein paar wenige Zeilen zum gleichen Inhalt gereicht hätten.
Getrübt wird das insgesamt doch positive Bild des Buchs durch die letzten Seiten, in denen er wieder wasserfallartig und zusammenhanglos von seinen Engagements für diesen und jenen schreibt, wobei er da Caritatives mit Medienauftritten und irgendwelchen Beraterverträgen mit diversen Einrichtungen vermischt. Absolut belanglos und ein unwürdiger Abschluss.
Ach ja, seine Lieblingsgerichte präsentiert er selbstverständlich auch ;-).
Fazit: Als Hardcore-Fußball-Fan lesenswert, als Bayer-04-Fan vielleicht sogar noch mehr, weil man dann mehr mit den hunderten (?) genannten Namen in Zusammenhang bringen kann.
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BildQuelle: Wikipedia