Es ist ein Dienstag. Seit Wochen rot markiert an meiner Pinnwand. Denn es ist mein erster offizieller Abstecher in die Berufsschule, dem zweiten Teil meiner Ausbildung, die ich gerade drei Wochen zuvor begonnen habe.
Ich fahre also früh um neun Uhr in die Schule, es wird ein kurzer Besuch, erste Eindrücke sammeln - dann wieder mit vollem Eifer ins Büro. Es liegt etwas vom Dotcom-Hype in der Luft. Ich kann ja nicht ahnen, dass ich dessen gesamte Tragödie noch am eigenen Leib erfahren werde, und erst Recht nicht, dass dieser Tag auch ein Synonym für die gesamte spätere schulische Ausbildung sein wird.
Irgendwann, ich glaube gegen 15 Uhr, lese ich bei Spiegel Online von einem Flugzeug, was gerade in das WTC gestürzt ist. "WTC, das sind diese Türme in den USA, das kann nicht sein - das ist eine Ente", denke ich, und lese nochmal woanders nach. Tatsächlich, überall die News. Ich glaube ich will gerade in das Büro nebenan um es weiter zu erzählen, da stürzt mein Chef die Treppe hoch. Unten läuft schon der Mini-Fernseher.
Fassungslos verbringt fast die gesamte Belegschaft die nächsten Minuten vor dem TV. Erst brennen die Türme, dann kommt die News vom Angriff auf das Pentagon, irgendwann wird klar, dass es keine Unfälle sind. Mir geht nur eins durch den Kopf: "Dritter Weltkrieg". Ich renne die Treppe hoch, schnappe mein Handy und rufe einen Kumpel an. Erreiche nicht ihn, sondern einen anderen - sage nur "Schalt den Fernseher an, egal welchen Sender".
Später krachen die Türme ineinander. Absolute Fassungslosigkeit. Erste Spekulationen über militärische Reaktionen.
Ich glaube, ich habe den restlichen Tag nichts mehr produktives zusammengebracht. Auf der Fahrt nach hause sitze ich in der U-Bahn und beobachte die Menschen. Es herrscht eine ungewohnte Stille im Abteil, eine bedrückte Stimmung. Man sieht förmlich, wie die Leute nachdenken.
Abends läuft ununterbrochen der Fernseher, ich telefoniere mit anderen Leuten, tausche mich darüber aus. Habe eine brennende Wut in mir, zu der Zeit sind schon Beziehungen zu den Taliban geknüpft. Ich denke nur "Wenn sie (Die Taliban) ihn (Bin Laden) nicht herausgeben, dann bombt die Schweine weg".
Irrational. Das sehe ich mit 5 Jahren Abstand. Aber es hilft mir, glaube ich, ein wenig, mich in die Lage der Amerikaner hineinzuversetzen. Etwas wenigstens.