
Ayaan Hirsi Ali, eine 1969 in Mogadischu (Somalia) geborene
Tochter eines somalischen Oppositionellen und einer streng gläubigen Mutter,
beschreibt in ihrer bewegenden Autobiografie ihre unglaubliche, fast
wahnsinnige Geschichte. Was diese Frau in ihrem Lebenslauf stehen hat, könnte
dutzende Hollywoodfilme mit Stoff versorgen.
Sie wächst in Somalia, Saudi-Arabien, Äthiopien und Kenia auf,
und wird sehr schnell mit dem Islam als allumfassenden Dreh- und Angelpunkt im
Leben eines Menschen konfrontiert – sie wird extrem religiös erzogen und erlebt
später hautnah die zunehmende Islamisierung ihrer Umwelt durch die
Unterwanderung der Islambruderschaft der Gesellschaft – der auch sie selbst
erliegt. Je älter sie wird, desto häufiger findet sie sich aber auch in
Konflikten mit ihrem Glauben und ihren Idealen wieder – menschliche Bedürfnisse
lassen sich eben auch durch eine Beschneidung nicht unterdrücken.
1992 schließlich wird sie von ihrem Vater zwangsverheiratet,
mit einem Somali aus Kanada, den sie zwei Wochen vor ihrer Hochzeit
kennenlernen darf. Sie bewertet ihn als strohdumm und will sich verweigern –
hat aber keine Kraft – und kein Recht! - dazu. Ihr zugute kommt, dass sie nicht
sofort mit ihm gehen muss, da sie noch keine Visum für Kanada erhalten hat –
darauf soll sie bei befreundeten Clanmitgliedern in Düsseldorf warten – also
fliegt sie alleine über Frankfurt nach Düsseldorf. Ein Kulturschock. Zum ersten
Mal sieht sie etwas anderes als das Elend in Afrika – die Sauberkeit, die
Ordnung und Organisation überwältigen sie. Sie kann nicht glauben, dass hier
Busse genau zu der Zeit kommen, wie sie es laut Plan sollen – und sie
überrascht es, dass niemand von ihr Notiz nimmt, niemand sie als reines
Sexobjekt auf der Straße belästigt, wie sie es durchaus aus ihrer Heimat kennt, wo sie schonmal ein Messer an der Kehle hatte - auf dem Nachhauseweg.
In Düsseldorf fasst sie einen Entschluss – sie setzt sich
ab, nach Holland, wo sie jemanden kennt, dem sie zuvor in Afrika bei der Flucht
aus dem im Chaos versinkenden Somalia das Leben gerettet hat.
In Holland lügt sie bei der Einreise, weil allein die
Tatsache, dass sie zwangsverheiratet wurde und durch ihre Flucht um ihr Leben
fürchten muss, nicht als Grund für einen Asylantrag anerkannt worden wäre.
Obwohl sie das später mehrfach zu Protokoll gibt, soll sich das Jahre danach
noch rächen.
In Holland fasst die junge Frau schnell Fuß – sie bekommt
eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, lernt die Sprache, geht zur Schule und
studiert schließlich allen Widerständen zum Trotz Politikwissenschaften.
Nebenbei verdient sie sich ihren Lebensunterhalt als Übersetzerin und findet
viele holländische Freunde; mit ihrem alten Leben schließt sie ab. In ihrem Job
als Übersetzerin hat sie viel mit anderen Migranten aus ihrer Heimat zu tun –
sie erfährt welches Leid Muslimas auch in Europa erfahren, dass junge Mädchen
und Jungen hier auf Küchentischen beschnitten werden – und dass viele Muslime,
die die Ungläubigen, in deren Land sie sich befinden, nur mit absoluter
Verachtung betrachten, sich unter diesen Umständen auf gar keinen Fall
integrieren können oder wollen.
In dieser Zeit kämpft sie vor allem mit sich selbst – was ihren
Glauben betrifft. Beinahe alles was ihr gelehrt wurde trifft in Holland, dem
Land der Ungläubigen, die laut dem, was ihr ein halbes Leben lang gepredigt
wurde, alle in die Hölle kommen sollen, nicht zu. Sie erkennt dass die
europäische Version der Gesellschaft im direkten Vergleich die bessere
Alternative ist – und integriert sich. Sie verschleiert sich nicht mehr, trägt
Hosen, geht sogar in Kneipen und probiert einmal Alkohol. Außerdem tritt sie in
eine Partei ein, macht politische Karriere und baut sich ein extrem großes
Netzwerk an Kontakten auf.
Dann sieht sie die Türme des World Trade Center live auf CNN
einstürzen – und sie weiß sofort, was die Stunde geschlagen hat. Sie weiß, dass
dies kein Anschlag ein paar völlig verblendeter Männer gewesen ist, sondern
dass das aus der tiefen Überzeugung der islamischen Welt von vielen Muslimen
gerechtfertigt würde – als Teil des Krieges gegen die Ungläubigen. Und
Ungläubig ist für einen Muslim jeder, der nicht an den wahren – den einzigen –
Gott glaubt.
Sie beschließt nun, dass es an der Zeit ist, ihre Meinung
öffentlich zu vertreten und die holländische Gesellschaft wachzurütteln, was
ihr gelingt. Sie dreht schließlich zusammen mit dem Filmemacher Theo van Gogh
einen provozierenden Film, „Submission“.
Für diesen Film wird Theo van Gogh im November 2004 auf
offener Straße hingerichtet, Zitat:
„Als Theo die Linnaeusstraat
entlangradelte, sprang ihm Muhammad Bouyeri in den Weg. Er zog seine Waffe und
schoß mehrmals. Theo fiel vom Fahrrad, schleppte sich über die Straße und brach
zusammen. Bouyeri folgte ihm. Theo bettelte ihn an: „Können wir nicht darüber
reden?“, doch Bouyeri gab noch einmal vier Schüsse auf ihn ab. Dann nahm er
eines seiner langen Schlachtermesser heraus und schnitt Theo die Kehle durch.
Das andere Messer stieß er in Theos Brust und befestigte damit einen
fünfseitigen Brief.
Der Brief war an mich
adressiert.“
Damit endet letztlich mehr oder weniger diese erste
Autobiografie, aber wenn diese mutige Frau nicht einestages das Opfer eines
Attentats wird, wird es sicher nicht der letzte Teil ihrer unglaublichen
Lebensgeschichte bleiben.
Den letzten Teil dieses Buches habe ich in einer ganzen
Nacht bis morgens 7:30 Uhr gelesen - weil es mich nicht mehr losließ. Mit
Ausnahme von "Schindlers Liste" kann ich mich eigentlich an kein Buch
erinnern, was mich jemals so beeindruckt, aufgewühlt, schockiert und zum Nach-
und vor allem zum Umdenken angeregt hat.
Sicher hat Hirsi Ali durch ihre eigene Biografie eine ganz
eigene Sicht der Dinge auf den Islam und die von ihm geprägte Gesellschaft –
dennoch sollte man als Westler nicht so arrogant sein und so tun, als wären das
alles Lügen einer durchgedrehten Irren, und sich von den beschwichtigenden
Äußerungen der islamischen Vertreter in Europa einlullen lassen.
Dass Islam nicht gleich Islam ist, steht außer Frage – dass aber
Millionen von Menschen unter einer Form dieser Religion und der durch ihn
massiv geprägten Gesellschaft leiden müssen, die von Beduinen vor 1300 Jahren
niedergeschrieben und heute als fast sprichwörtlich in Stein gemeißelt,
unverrück- und nicht interpretierbar gilt, darf ebenfalls nicht verkannt
werden.
Daraus folgt, dass wir ein massives Problem mit einem Teil
der europäischen Einwanderer haben – jenen nämlich die aus diesen
Gesellschaften stammen, und sich aus diesem Grund unmöglich in das
freiheitliche System unserer Breitengrade eingliedern können. Aber das sprengt
den Rahmen …
Ich kann nur jedem wirklich wärmstens empfehlen, dieses Buch
zu lesen – meinen persönlichen Blick auf die Dinge hat es jedenfalls ins Wanken
gebracht.
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